Die Sache mit dem Haken

Da ich des öfteren in diversen Carp - Homepages herumstöbere fallen mir immer wieder Tacklediskussionen auf. Gute Schnur hin, schlechte Rolle her, wie siehts mit den Swingern der Marke X aus, die Ruten von der Firma Y sind nicht zu empfehlen...usw. Die wenigstens Pros oder Contras werden jedoch mit Testdaten oder sachlichen Argumenten untermauert. Ich muss jedoch zugeben, daß ich auch gewisse Vorlieben für einige Dinge hege. Das kann sein, weil sie von einigen Kollegen empfohlen wurden oder weil sie von Hutchic, Maddocks & Co so gut beworben wurden. Ohne nachzudenken ob das Zeug wirklich was taugt bin ich einfach mal wieder ein paar Euro im Angelladen losgeworden.

Aufgrund einiger verlorener Fische habe ich seit längerer Zeit (ca. 1,5 Jahre) jedoch einem Thema besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Dem HAKEN. In diesem Zeitraum habe ich mit Hilfe von einigen Freunden, bei denen ich mich natürlich nochmals recht herzlich bedanken möchte, diverse Hakenfabrikate sowohl in der Praxis, sprich am Wasser, als auch daheim im Aquarium auf Herz und Nieren getestet.

Die Angebotspalette von den verschiedensten Hakenformen, Größen u. Herstellern ist wie beim restlichen Tackle auch nicht gerade kleiner geworden. Nachdem ein Neueinsteiger die schon obligate Frage des persönlichen Lieblingsflavours und Ultimativmix erledigt hat, muß er sich natürlich auch noch Gedanken machen, an welchen Haken er diese bunte runde Kugel hängen soll. Nun heißt es sich durch den riesen Angebotsdschungel durchzuarbeiten, auf den guten Rat d. Kollegen vertrauen und letztendlich ab damit aufs Rig. Aber warum gerade diesen Haken? Ist der Andere nicht besser? Genau auf diese Frage möchte ich versuchen einige Antworten zu finden. Ich möchte euch jedoch darauf aufmerksam machen, daß ich namentlich keine Firma od. Marke erwähnen werde sondern lediglich den Haken in seine „Bestandteile“ zerlege und dabei Vor- u. Nachteile aufzähle. Ihr sollt ja euren persönlichen Lieblingshaken selbst auswählen.

Hakenöhr
Grundsätzlich unterscheidet man unter 3 verschiedenen Varianten:

  • Nach innen (zur Hakenspitze) gebogenes Öhr (Abb.1) Der Vorteil darin ist, daß beim Anschlag bzw. im Drill die Kraft in Richtung Hakenspitze verlagert wird (Abb.1b). Der Optimalfall sieht so aus, daß das gedanklich verlängerte Vorfach unter Spannung genau auf die Hakenspitze zeigt. Dieser Effekt kann jedoch nicht nur mit einem gebogenen Öhr, sondern auch mit einem gebogenen Hakenschenkel erzielt werden (z.b. bei Benthooks). Ein stark nach innen gebogenes Öhr hat leider einen Nachteil: Beim Drill wirkt dieses Öhr wie ein Hebel. Dieser Hebel bewirkt ein Drehen des Hakens in Richtung Hakenspitze. Grundsätzlich nicht schlecht, aber bei einem länger anhaltenden, forcierten Drill arbeitet d. Haken kontinuierlich im Maul und somit wird auch die Wunde u. die Gefahr des Ausschlitzens vergrößert. Etwas maulschonender ist dagegen ein gebogener Schenkel od. zumindest eine Mischung aus beidem.

 

  • Gerades Öhr (Abb.2) Der Hebeleffekt fällt weg, die Kraftverlagerung von der Hakenspitze wird je nach Hakenform etwas auf den Hakenbogen verlagert. Ist jedoch der Hakenschenkel gekrümmt (Abb.2), so kann dieser Nachteil so ziemlich wettgemacht werden. Für den Fisch ist diese Variante auf jeden Fall schonender. Zu Beachten ist auf jeden Fall, daß das Vorfach auf der Hakeninnenseite Richtung Blei durchgezogen wird.

 

  • Nach außen gebogenes Öhr (Abb.3) Bei dieser Hakenform ist ein Wirken d. Kräfte auf die Hakenspitze nur sehr schwer zu erreichen. Unter Spannung (Anschlag od. Drill) neigt sich d. Haken etwas von d. Spitze weg, was nicht gerade als Vorteil zu betrachten ist (Abb.3b). Ein gebogener Schenkel verringert diesen Effekt jedoch um einiges. Um beim Anschlag einen besseren Eintrittswinkel ins Fischmaul zu erzielen, ist eine nach innen gebogene Hakenspitze vorteilhaft.

 

 

Zum Öhr sei noch gesagt, daß diese bei einigen Marken nicht 100%ig geschlossen sind. Da verbirgt sich die Gefahr, daß das Vorfach im Drill aufgescheuert wird. Hier kann man sich mit einem Tropfen Sekundenkleber behelfen und den scharfkantigen Abschluß vorsichtig zukleben.

Hakenschenkel
Hier können wir zwischen den bei uns hauptsächlich üblichen Shortshanks und den immer beliebteren Longhankhaken, die in England d. absolute Renner sind, wählen. Da die Longshanks wie gesagt noch etwas aus der Reihe fallen möchte ich auf diese etwas mehr eingehen. Angeboten werden sie mit geradem Schenkel (Abb.4) u. gebogenem Schenkel (Abb.5). Der gebogene Schenkel bietet uns wieder den Vorteil einer Krafteinwirkung auf die Hakenspitze (Abb.5b). Mit einem nach innen gebogenen Öhr u. geradem Schenkel ist d. Dreheffekt wie bei den Shortshanks nicht so leicht zu erreichen. Grund dafür ist einfach das Hebelgesetz: Der Kraftarm (Hakenöse) ist im Vergleich zum Lastarm (Hakenschenkel) relativ kurz. Dieser Nachteil hat jedoch auch einen Vorteil zur Folge, nämlich daß ein nach innen gebogenes Öhr mit langem Hakenschenkel (egal ob gerade od. gebogen) für den Fisch schonender ist, da Haken im Drill durch das oben erwähnte ungünstige Hebelverhältnis weniger im Maul arbeitet. Meines Erachtens d. größte Vorteil eines Longshanks ist, daß er, wenn er mal im Karpfenmaul gelandet ist, um einiges schwerer auszublasen ist als ein Shorty.

Beim Versuch den Köder auszublasen dreht sich der Haken und die Wahrscheinlichkeit mit d. Spitze in d. Lippe hängenzubleiben ist beim Longshank natürlich größer. Wehrmutstropfen ist, daß ein größerer Gegenstand leider auch schwerer einzusaugen ist.

Hakenbogen
Der Hakenbogen sollte sehr robust sein, da auf ihm das gesamte Zuggewicht des Fisches lastet.

  • Weiter Bogen (Abb.6): Dieser bietet auch für dicke Lippen von größeren Carps genügend Platz. Der Nachteil ist auch hier wiederum eine Kraftverlagerung weg von d. Hakenspitze (siehe auch Abb.3b). Im Drill dreht sich dieser in Richtung Hakenschenkel. Das bewirkt, daß der fleischgefüllte Teil des Bogens in Richtung Hakenspitze gleitet, was wiederum ein Scheuern d. Widerhakens in d. Wunde verursacht. Die Folge können ein etwas größeres Einstichloch an der Maulinnenseite sein, im Extremfall sogar das Ausschlitzen des Hakens. Ich selbst bezeichne solche Haken aber auch als „Greifer“, die ich bei vermehrten bei Fehlbissen einsetze. Durch den weiten Bogen erhöht sich der „Greifradius“ des Hakens, welcher von Hakenschenkel bis zur Hakenspitze gemessen wird. Bei größeren Ködern kann in diesem Fall eine kleinere Hakengröße gewählt werden und der Haken wird dennoch leichter im Fischmaul Halt finden.
  • Schmaler Bogen (Abb.7): Hier haben wir eine optimalere Verlängerung des Vorfaches zur Hakenspitze (Abb.7b). Leider hat die Sache auch eine Schattenseite. Ein schmaler Bogen ist natürlich leichter mit Fleisch gefüllt und der Widerhaken scheuert eher an der Fischlippe. Nachdem die Hakenspitze beim Anschlag ein relativ gerades Loch durch die Lippe bohrt dreht sich der Haken und der Fisch soll letztendlich Halt im Hakenbogen finden. Ein schmaler Hakenbogen bietet jedoch keine gerade Angriffsfläche wie vom Haken vorgebohrt. Beim Druckausüben schneiden sich die beiden seitlichen bzw. abgeschrägten Teile des Bogens ins Fischmaul ein. Bei heftigeren Fluchten in verschiedene Richtungen wird ebenso eine vergrößerte Wunde das Ergebnis sein.

 

 

Hakenspitze
Das wichtigste an der Hakenspitze ist natürlich die Schärfe. Da eine nachgeschliffene niemals so scharf wie eine chemisch geschärfte Spitze sein wird wandern stumpfe Haken bei mir sofort in den Mülleimer. Zu beachten ist natürlich der Untergrund auf dem man fischt. Bei schlammigem Untergrund besteht die Gefahr eines Abstumpfens beim Einholen weniger, als bei steinigem Untergrund. Aber sehen wir uns die Spitze mal genauer an. Selbst da gibt es Unterschiede. Grundsätzlich ist zu sagen, daß die Hakenspitze beim Anschlag bzw. im Drill möglichst in Richtung Vorfach zeigen soll. Das ist eigentlich auch schon der Grund, warum es Haken mit einer gebogenen (hauptsächlich nach innen) Spitze gibt (Abb.3). Bei Hakenformen mit gerader Spitze die ein nach außen gebogenes od. gerades Öhr, einen weiten Bogen oder teilweise auch einen geraden Schenkel besitzen, zeigt diese unter gespanntem Vorfach in den meisten Fällen nicht in die Zugrichtung, also Richtung Öhr od. Vorfach (siehe Abb. 3b). Dies hat beim Anschlag zur Folge, daß die Zugkraft beim Anschlag nicht optimal auf die Spitze wirken kann. Eine zum Öhr gebogene Spitze kann dieses Manko teilweise od. sogar vollständig ausgleichen.

Drahtstärke
Von sehr dünnen bis extrem dicken Haken gibt es eigentlich alles im Angebot.

  • Dünndrähtige Haken haben den Vorteil, daß sei meist leichter sind. Eine subtilere Köderpräsentation ist in diesem Falle möglich, z.b. bei Pop-up Montagen. Weiters ist auch ein Eindringen d. Spitze leichter mögich. Bei längeren u. forcierten Drills schneidet dieser jedoch auch leichter ins Fischmaul ein, was wiederum das Risiko eines Ausschlitzers erhöht. Nicht zu vergessen ist natürlich auch, daß sich ein dünner Haken (abhängig v. Material) leichter aufbiegt
  • Dickdrähtige Haken haben ein höheres Gewicht, sind jedoch robuster im Drill. Diese sind in hindernisreichen Zonen u. Krautfeldern zu empfehlen. Ein Aufbiegen ist eher unwahrscheinlich und durch die Materialstärke wird ein Arbeiten während des Drills im Fischmaul minimiert. Fazit: weniger Ausschlitzer. Meines Erachtens einzig nachteilig wirkt sich ein etwas erschwertes Hakeneindringen aus. Also wieder einmal: unbedingt auf eine scharfe Spitze achten.

Geschränkte Haken
Der Ursprung d. geschränkten Haken lag darin, daß die ursprüngliche Köderpräsentation (Wurm, Mais,…) direkt am Haken erfolgte. Um beim Anschlag zu verhindern, daß dieser ohne in der Fischlippe zu greifen aus dem Maul gezogen werden konnte, wurden die Haken vom Hakenbogen bis zur Spitze seitlich geschränkt. Diesen Effekt kann man selbst ganz einfach testen: Haken samt Spitze zwischen Daumen und Zeigefinger klemmen, dann am Vorfach anziehen und….Autsch! Da die Köder im modernen Karpfenangeln heutzutage jedoch meist am Haar präsentiert werden ist die Notwendigkeit eines geschränkten Hakens nicht mehr gegeben. Im Gegenteil. Diese Hakenform wirkt sich bei der Haarmethode sogar als nachteilig aus, und zwar am Eintrittswinkel der Spitze in die Fischlippe. Obwohl dieser Winkel durch verschiedene Einflussfaktoren wie Einsaugen, Ausblasen und Anschlag immer differieren wird, beträgt dieser im Optimalfall genau 90 Grad (gemessen an Spitze seitlich zur Lippe). Sollte der Anschlag also mit einer optimalen Position, sprich Winkel, des Hakens erfolgen, so steht die Hakenspitze bei geschränkten Modellen auch in diesem Fall nicht in einem 90 Grad Winkel zum Fischmaul. Ein seitlich verlaufender Einstich, im Extremfall ein Austritt des Hakens in der Maulinnenseite oder sogar ein Nichtgreifen des Hakens können neben der erhöhten Ausschlitzgefahr die Folge sein. Für mich hat diese Hakenform in Verbindung mit der Haarmethode seine Berechtigung verloren.

Abschließend möchte ich sagen, daß es keinen Haken gibt, der in jeder Situation bzw. bei jeder Rigbauweise gleich gut wirkt. Ihr habt auch gesehen, daß jeder Vorteil auch in gewisser Weise einen Nachteil mit sich bringt. Ein genaues Überlegen, welchen Haken man wie und wo einsetzt bleibt keinem erspart. Ebenso muß man abwägen, welche Vorteile d. einzelnen Fabrikate speziell in eigenen Fall mehr zu priorisieren sind und welche damit verbundenen Nachteile man in Kauf nimmt. Ich hoffe, dieser Bericht erleichtert künftig eure Entscheidung wenn íhr wieder mal in einem Tacklestore vor dem Regal steht und überlegt….“Welcher Haken wandert heute ins Einkaufstascherl?“

Schöne Stunden am Wasser wünscht euch

Roman Hubalek