Der Karpfenangler

Karpfenangler - Die letzten Idealisten oder exzentrische Egoisten? Ein Streifzug durch die Vergangenheit Gegenwart und Zukunft von Wolfgang Rusznak
Diese Frage wird sich so mancher Karpfenangler stellen und noch mehr jene Angler, die anderen Fischarten nachstellen. Das moderne Karpfenangeln ist noch eine eher junge „Sportart“ gegenüber dem Befischen anderer Fischarten. Diese Art von Angeln wurde erst in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts von einer größeren Anzahl von Fischern praktiziert. Damals wurde noch viel hinter vorgehaltener Hand diskutiert, viele Versuche angestellt und so manches ausprobiert was von der großen nördlichen Insel rüberkam. 

Die Informationen waren spärlich, das Material das zur Verfügung stand war oft unzureichend und Boilies waren eine Wissenschaft an sich. Aus dieser Situation heraus wurden viele von uns punkto Angeln zu Eigenbrötlern. Gerade noch mit ein paar wenigen Angelfreunden wurde diskutiert, Geheimnisse wurden so gut es ging gewahrt um sich ja einen gewissen Wissensvorsprung zu sichern. Natürlich sahen die anderen Angler den einen oder anderen Karpfenfischer irgendwo versteckt im Schilf oder Wald gut getarnt sitzen. Ebenso entging mit der Zeit auch den Allroundanglern nicht, was und wieviel von ein paar Wenigen gefangen wurde. Der Mythos vom Wunderköder „Boilie“ war geboren.

Da saßen Angler am Wasser die länger als ein paar Stunden beim Angeln verbrachten und die saßen auch noch nach ein paar Tagen am selben Platz, schliefen unter Schirmen auf Campingliegen und aßen Gulasch und Bohnensuppe aus der Dose. Mehr an Auswahl gab es damals noch nicht.
Ging man zu den komisch anmutenden Gestalten um zu erfahren auf was sich der gewaltige Fangerfolg begründete, so wurde wenig Auskunft erteilt. Das Wort Boilie kam dann zwar über die Lippen, aber warum und weshalb blieb immer ein Geheimnis.

Das Ganze wurde durch die auf dem Kontinent sporadisch eintreffenden Zeitschriften noch geheimnisvoller. Hier standen Dinge drinnen die eigentlich für uns oft zu phantastisch klangen und „noch“ nicht ausprobiert wurden. Durch die ständige Zunahme von Karpfenanglern aus anderen Sparten der Angelzunft, das Aufhorchen so mancher Angelgerätehändler in Österreich und Deutschland fand auch das moderne Karpfenangelgerät Einzug in den deutschsprachigen Raum.

Dadurch wurden manche Allroundangler und Stipp- und Matchfischer aufmerksam. Somit war der Grundstein für die große Vermarktung des Zielfisches Karpfen gelegt. Der Markt boomte und die Karpfenangler wurden immer mehr. Viele Geheimnisse wurden gelüftet, so manche Ängste abgebaut und die Zusammenrottung zu kleineren und größeren Gemeinschaften wurde vorangetrieben. Auf einmal saßen nicht mehr ein oder zwei Karpfenangler am Gewässer, nein, in richtigen Rudeln strömten sie aus. In etliche Länder Europas wurde gereist um dem Wunderfisch und immer größer werdenden Fisch „Karpfen“ nachstellen zu können. Es setzte ein regelrechter Wettbewerb nach dem Motto „größer – schneller – ohne Rücksicht auf Verluste“ ein.

Die Auswirkungen spüren wir heute alle. Die Gesetze, Verordnungen und Vereinsstatuten werden strenger ausgelegt, die Exekutivorgane werden angewiesen restriktive durchzugreifen und besonders auf die in Zelten hausende Angler Acht zu geben. Wir schimpfen und fluchen darüber, jedoch bedenken wir selten, dass diese Verbote von uns hausgemacht sind. Die wirklichen Idealisten, die es vor 15-20 Jahren noch gab, sind „fast“ ausgestorben. Es wird nichts mehr selbst ausprobiert, es wird alles erfragt. Selbsterfahrene Fachkenntnis gibt es bei den meisten Jungkarpfenanglern nicht mehr. Das meiste wird aus dem Internet herausgelesen und was man nicht findet, das versucht man hartnäckig zu hinterfragen.

Die wenigsten haben je Erfahrung mit anderen Fischarten gemacht. Manche wissen nicht mal wie sie Köderfische fangen sollen. Das ist aber die jetzige moderne Zeit. „Schneller, besser, höher“ ist das Motto. Vor zwei Wochen sah ich durch Zufall ein paar Minuten der ehemaligen Kinderserie Pippi Langstrumpf. Als ich die Aufnahmen der Natur sah, wurde mir warm ums Herz. Ebenso ergeht es mir, wenn ich mir mal die alten deutsch/österreichischen Filme ansehe. Die Natur erinnert mich an meine Jugendzeit. Die Einfachheit der Vergangenheit war einmalig, obwohl unsere Großeltern ebenso dachten wie wir heute wenn sie an ihre eigene Kindheit denken (den 1. und 2. Weltkrieg lassen wir jetzt mal beiseite). Unsere Väter und Großväter gingen damals ebenso angeln, nur gingen sie nicht zur Ausübung einer Sportart ans Wasser, sondern um Fische zum Verzehr zu fangen. Meist um etwas Abwechslung auf den alltäglichen Tisch zu bringen. Um der nostalgischen, sentimentalen Ausschweifung ein Ende zu setzen muss ich aber auch zugeben, dass ich gewisse Dinge des heutigen Lebens nicht mehr missen möchte. Die Angelei an sich hat ja in den letzten 20-30 Jahren einen Quantensprung punkto Angeltechnik und Material gemacht.

Und trotz der großen Vermarktung aller zum Angeln verwendeten Materialen, Veröffentlichungen in diversen Fach- oder Allroundzeitschriften für Angler bleibt immer etwas geheimnisvolles an der Art unserer Angelei haften. Der normale Durchschnittsangler kann mit unseren Fachausdrücken, mit unseren Gerät und Köder fast nichts anfangen. Trotz der großen Beliebtheit des Angelsports ist unsere Art des Fischens noch immer geheimnisumwoben. Die meisten verbinden den modernen Karpfenangler mit Spinnerei, Giftmischerei und vollkommene Ausartung einer Gesellschaft in der heutigen Zeit. Viele Leute wollen sich unsere Argumente pro und kontra Karpfenangeln gar nicht anhören und zweifeln sogar ob unsere selbstkritische Art nicht vorgespielt ist. Aufgrund der Masse der Karpfenangler muss hier noch viel Aufklärungsarbeit in den Vereinen durchgeführt werden. Ebenso muss auch bei der großen Anzahl der Karpfenangler ein Umdenken stattfinden. Um in Zukunft auch noch unseren Hobby nachgehen zu können muss versucht werden das Klischee vom exzentrischen Karpfenangler in der Bevölkerung umzustoßen. Wir sollten alle etwas weniger an unser Ego denken, in der Vergangenheit gemachte Fehler überdenken und sie vermeiden sowie ein positives Handeln am Wasser vorleben. Das Ganze geht natürlich Alle was an, ob Jungspund oder alternder Karpfenfischer. Die Zukunft wird es weisen ob die Menschen aus Fehlern lernen oder ob uns die Vergangenheit einholt.

In diesem Sinne wünsche ich euch ein kräftiges Petri Heil,
Wolfgang